Tagungsprogramm

Tagung ‚Lichtgefüge‘

Saal des Kunstgewerbemuseums am Kulturforum Matthäikirchplatz, 10785 Berlin

31.3.2011 – 2.4.2011

  

Veranstalter

Forschungsgruppe Historische Lichtgefüge
Dr. Carolin Bohlmann – Dipl. Psych. Thomas Fink – Dr. Philipp Weiss

Professor Dr. Thomas Leinkauf
Westfälische Wilhelms-Universität Münster

Donnerstag 31.3.2011

10:30
Begrüßung
Philipp Weiss

11:00
Einführung
Thomas Leinkauf

11:30-12:30
Professor Dr. Martina Sitt, Universität Kassel, Kunstwissenschaft

Die Wahrnehmung des Lichts in der holländischen Malerei des 17. Jahrhunderts aus Sicht Eugène Fromentins und Jacob Burckhardts

Es liegt nahe, dass gerade diese Autoren des 19. Jahrhunderts mit Blick auf die holländische Malerei als Beleg für die Rezeption der Lichtphänomene in Bildern zitiert werden. Fromentin schrieb 1876 einen der ersten umfassenderen Kommentare der Werke der holländische Malerei, der auch Bemerkungen zur Präsentation der Gemälde, der innerbildlichen Atmosphäre und Strukturen der Bilder enthielt. Jacob Burckhardt gehört zu den unmittelbaren Rezipienten von Fromentins Buch, denn dessen Beschreibungen ergänzen geradezu die eigenen bis dahin in unzähligen Notizen seit 1841 (Die Kunstwerke der belgischen Städte) zusammengetragenen Anschauungen.
Der Gesichtspunkt des Malers Fromentin, der das Auge des Künstlers als Prisma versteht, das dem Betrachter ermöglicht, Licht und Farben wahrzunehmen, wird von Burckhardt begierig aufgenommen und um seine ästhetischen Ansichten erweitert. 1877 hält er dann seinen Vortrag über Rembrandt.
Dieser Beziehung soll anhand von drei Unterthemen nachgegangen werden: Was haben diese Autoren zu sagen zu
1) Wahrnehmungsbedingungen von Licht bedingt durch den Standort
2) die Bedeutung des Lichts in den verschiedenen Gattungen und
3) besondere Lichtphänomene (in der Malerei des 17. Jahrhunderts) und ihre Wirkung im Bild.

Mittagspause: 12:30–14:00

14:00–15:00
Prof. Dr. Nike Bätzner, Burg Giebichenstein, Kunsthochschule Halle

Explizite Materie und implizites Wissen.
Über die augenscheinliche Teilhabe der Farbe am Licht.

Ausgangspunkt der Überlegungen sind die Illustrationen, die Peter Paul Rubens zu den „Opticorum Libri Sex“ des Franciscus Aguilonius angefertigt hat und die Frage nach dem Niederschlag, den die Theorien zu Farbe und Licht des Aguilonius möglicherweise in den Gemälden von Rubens gefunden haben. Werden die Thesen und Erkenntnisse des Jesuiten in irgend einer Weise umgesetzt, oder wie organisiert der Künstler sein Farbmaterial abseits von diesen Vorstellungen (die von der Farbwahrnehmung handeln, nicht von den Farbstoffen und ihrer Mischung). Rubens setzt in seinen Gemälden zum Teil additiv Farbflecken nebeneinander, womit eine erst in der Wahrnehmung entstehende Farbempfindung erzeugt wird. Er arbeitet mit farbigen Schatten, nutzt Licht und Schatten zur Dynamisierung der bewegten Bildkomposition. Wie bettet sich dieses Vorgehen ein in die Verwissenschaftlichung von Erfahrungen und die empirischen Naturforschungen der Gelehrtenkreise, in denen Rubens sich bewegte?
Und lässt sich anhand dieses Umgangs mit Farbe und Bewegung eine Verbindung zu Rembrandt herstellen?

15:00-16:00
Dr. Robert Felfe, Institut für Kulturwissenschaft der
Humboldt Universität Berlin

Qualitäten und Potenzen von Licht in Perspektivlehren
des 17. Jahrhunderts

Es gehört zu den unumstößlichen Prämissen der Zentralperspektive, dass sich das Licht, sofern es für das Sehen relevant ist, auf die Parameter geometrischer Optik reduzieren läßt. Licht, das sind hier primär Strahlen in ihrem geradlinigen Verlauf zwischen Lichtquellen, Objekten und dem Auge. Auf diesem Konzept beruhen grundlegende Modelle, wie das der Sehpyramide, und sämtliche Verfahren der Bildkonstruktion nach geometrischen Regeln. Angesichts dieses Zusammenhangs liegt die Vermutung nahe, dass Theorie und Praxis der Zentralperspektive – je verbindlicher sie als allgemeines Konzept zweidimensionaler Darstellungen im Laufe des 16. Jahrhunderts wurden – eine systematische Einheit bildeten, die sich gegenüber einem erweiterten Umgang mit dem Licht weitgehend verschloss.
Vor diesem Hintergrund wird der Vortrag an Traktaten aus der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts zum einen zeigen, dass im Horizont der Perspektivlehren durchaus verschiedene qualitative Valenzen von Licht vorkommen. Darüber hinaus soll der Frage nachgegangen werden, inwieweit gerade derartige Momente für die Praxis der Perspektive innovative Impulse gaben.

16:00–17:00
Prof. Dr. Valeska von Rosen, Kunstgeschichtliches Institut der
Ruhr-Universität Bochum

Natürliches, artifizielles, theatrales Licht?
Zur Wahrnehmung der caravaggesken Malerei im frühen Seicento

Es ist ein Topos der kunsthistorischen Forschung, die Gemälde Caravaggios und der Caravaggisten als „realistisch“ zu titulieren, was oft implizit und – vor allem in der italienischen Forschung – auch explizit die besondere Lichtgestaltung im malerischen chiaroscuro einbezieht. Blickt man aber auf die zeitgenössischen Charakterisierungen der Lichtführung in Werken Caravaggios und der „Caravaggisten“, lässt sich zeigen, daß diese feste Verknüpfung von chiaroscuro und „al naturale“ wohl eher eine moderne Konstruktion ist, die spezifische Lichtsituation in den Werken von den Zeitgenossen hingegen häufig als artifiziell empfunden wurde. Von dieser Beobachtung ausgehend, möchte ich in meinem Vortrag die These zur Diskussion stellen, daß insbesondere im Umfeld Caravaggios malerisch theatrale Effekte evoziert werden sollten, und ich möchte nach den bildkonzeptuellen Voraussetzungen für eine solche Mimesis fragen.

Ende Tagungsprogramm Donnerstag

Abendprogramm Donnerstag

Säulenhalle der Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, 10785 Berlin

20:00
Begrüßung durch den Direktor der Gemäldegalerie
Professor Dr. Bernd Wolfgang Lindemann

20:15
Grußwort von Prof. Dr. Victoria von Flemming,
Kunsthochschule Braunschweig

20: 30
Festvortrag
Prof. Dr. Gregor J.M. Weber, Hoofd Beeldende Kunst (Head of Fine and Decorative Arts) am Rijksmuseum Amsterdam

Es werde Licht - Mittel der Lichtdarstellung im niederländischen
17. Jahrhundert

Ende Abendprogramm 21:30

Freitag 1.4.2011

10:30-11:30
Prof. Dr. Ralph Häfner, Deutsches Seminar der Eberhard Karls
Universität Tübingen

Lichtgefüge in der Lyrik um 1700

Horaz hat mit dem Prinzip ut pictura poesis die Dichtkunst in ein ämulatives Verhältnis zur Malerei gebracht. In den Jahrzehnten um 1700 hat sich diese Konkurrenz in einer für den Wettstreit zwischen Malerei und Dichtung folgenreichen Weise ausgewirkt. Im Sinne der transposition d’art lässt sich in der geistlichen Lyrik bis hin zu Barthold Heinrich Brockes eine ausgesprochen intrikate Auseinandersetzung mit der clair-obscur-Technik beobachten. Licht und Finsternis werden zu Elementen einer lyrischen Form, die zwischen spekulativem Gehalt und concettistischem Stil oszilliert.

11:30-12:30
Dr. Henning Hufnagel, Institut für Romanische Philologie, Freie Universität Berlin

12:30–14:00 Mittagspause

14:00–15:00
Dr. Justus Lange, Direktor der Gemäldesammlung Alte Meister im Schloss Wilhelmshöhe, Kassel
und MA Bjoern Schirmeier, Astronomisch-Physikalisches Kabinett Museumslandschaft Hessen Kassel

Visualisierung von Optik im 18. Jahrhundert – Die Entwürfe von Johann Oswald Harms für das Optische Zimmer im Kunsthaus zu Kassel

Das von Landgraf Carl von Hessen-Kassel 1696 gegründete Kunsthaus gehört zu den frühen Orten des wissenschaftlichen Austauschs und der Präsentation von Wissen für ein Publikum. Reiseberichte mit zum Teil umfangreichen Schilderungen des Gesehenen legen davon Zeugnis ab. Das Kunsthaus war damit direkter Vorläufer des 1779 eröffneten Museum Fridericianum. Andererseits diente es auch als Lehrsammlung für das 1709 gegründete Collegium Carolinum. Diese Schule sollte die naturwissenschaftliche und technische Ausbildung fördern als dies an den Universitäten immer seltener geschah. Landgraf Carl wünschte in der Stiftungsurkunde explizit diese Ausrichtung zum Nutzen des Landes. In einer Zeit in der von Professoren der Mathematik und Naturwissenschaften erwartet wurde, dass sie ihre Lehrsammlung selbst kaufen sollten war die Bereitstellung der Instrumentensammlung durch den Fürsten bereits an sich ein Novum. Dass im Kunsthaus selbst sogar ein Vorlesungssaal zur Verfügung gestellt wurde erstaunte die Besucher noch umso mehr.
Das Interesse an Optik und den damit verbundenen Entdeckungen manifestierte sich im Optischen Zimmer des Kunsthauses mit einer Vielzahl von wissenschaftlichen Instrumenten wie Teleskopen, Mikroskopen, Laternae magicae, Brennspiegel usw. Darüber hinaus war das Zimmer mit Wandmalereien von Johann Oswald Harms dekoriert, die unmittelbar Bezug auf die dort ausgestellten Instrumente nahmen. Harms war seit 1698 für Landgraf Carl tätig und verfügte über umfangreiche Kenntnisse im Bereich der Bühnenbildarchitektur, die er an verschiedenen Höfen Deutschlands zum Einsatz brachte. Seine Wand- und Deckengemälde verbanden Malerei und optische Wissenschaft auf eindrucksvolle Weise. Sie geben nicht nur visuellen Aufschluss über den Stand der optischen Experimente um 1700, sondern verorten das Interesse an Optik im höfischen Repräsentationskontext.
Das Optische Zimmer mit seinen Wandmalereien existiert nicht mehr. Erhalten haben sich aber im Astronomisch-Physikalischen Kabinett der Museumslandschaft Hessen-Kassel große Teile der Instrumentensammlung. Zusammen mit den in Braunschweig aufbewahrten Entwurfszeichungen von Harms ermöglichen sie jedoch eine Rekonstruktion dieses bedeutenden Ensembles, die in diesem Vortrag erstmals erfolgen soll.

15:00-16:00
Dr. phil. Angela Mayer-Deutsch, Berlin, Freiberufliche Kunsthistorikerin und Kuratorin

Zur Lichtdynamik in exemplarischen Graphiken aus der Kircher-Werkstatt

Im Vortrag soll versucht werden, einem als "Dynamik" bezeichneten Naturbegriff nachzugehen bzw. der damit verbundenen Beschreibung und Darstellung von Licht an Hand von einigen ausgewählten Graphiken aus dem kupferstichreichen Oeuvre, welches mit dem Namen Athanasius Kircher verbunden ist.

16:00–17:00
Prof. Dr. Sven Dupré, Department of Art, Music and Theatre Sciences, Centre for History of Science, University Gent

Licht und Materie von Lomazzo bis Van Mander

In meinem Vortrag beschäftige ich mich mit einigen kunsttheoretischen Traktaten von Giovanni Paolo Lomazzos ‘Trattato dell'arte della pittura‘ (1585) bis Karel van Manders ‘Schilder-Boeck’ (1604). Diese Traktate positionieren sich zwischen der künstlerischen Praxis und den Untersuchungen des Lichts in der Optik des 17. Jahrhunderts und sind daher auch sehr geeignet für das Studium der Interaktion von optischem Künstlerwissen und künstlerischer Praxis. Ein Kapitel in Lomazzos ‘Trattato’ beschäftigt sich nicht nur mit den unterschiedlichen Effekten des Lichts auf Oberflächen, sondern auch mit unterschiedlichen Materialien. In seinem ‘Trattato’ setzt Lomazzo sich mit den vier Elementen von Aristoteles auseinander: Luft, Wasser, Erde und Feuer. Zwei Aspekte sind sehr bemerkenswert. Erstens begründet Lomazzo – wie Leonardo da Vinci - das Studium de Lichts in der Kunst im Verhalten des Lichts in der Natur. Zweitens beschreibt Lomazzo die Effekte des Lichts nicht nur als Änderungen der Textur, sondern als materielle Transformationen. In meinem Beitrag untersuche ich diese beiden Aspekte auch in Van Manders ‘Schilder-Boeck’.

Ende Tagungsprogramm 1.4.2011

Samstag, 2.4.2011

10:30-11:30
Dr. ir. Fokko Jan Dijksterhuis, Center for Science, Technology and Policy Studies (STePS), University of Twente, Netherlands

The Caustics of Tschirnhaus. Amassing Light, Learning and Lustre.

In 1682 Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (1651-1708) designed a concave mirror for Louis XIV, the Sun King and protector of the Académie Royale des Sciences. The mirror, Tschirnhaus explained, gathered the parallel rays of the sun into a bright luminous curve. He added a motto ‘Singulare SOLIS opus: Curva Rectis Adaequat’ – The Singular Work of the Sun: the Curve Equals Straight Lines. With this design Tschirnhaus not only drew on the flourishing early modern iconography linking burning mirrors, lenses and spheres to faith, power, and love. He also drew upon a vast body of mathematical and natural philosophical learning regarding the nature and properties of light. The motto reflected an original contribution of his that connected the theories of rectification and of caustics. It brought together the interests and inquiries of savants from all over the Republic of Letters that he had acquainted during his journeys to Paris, London, Italy and the Low Countries, most notably with Leibniz and Huygens. In the 1680s he settled in Saxony again and initiated large-scale projects to make glass, lenses and mirrors. These projects not only amassed expertise from local artisans but also attracted savants from all over Europe. His ties with an Amsterdam circle of savants and connoisseurs were particularly tight, linking his technological work to the artful inquiries that were going on there. In this paper I will trace the diverse lines that Tschirnhaus’s work on mirrors and caustics assembled and analyze its various levels of expertise, learning and meaning.

11:30-12:30
Dr. sc. phil. Hilmar Frank, Berlin

Daniel Bernoullis „Specimen theoriae novae de mensura sortis“ (1738) – eine Vorleistung zum Abbildungsgesetz des Lichtes

Die Abbildung des Lichts in der Vielfalt seiner Erscheinungen ist eine Errungenschaft der neuzeitlichen Malerei. Obwohl das künstlerische Material nur geringe Helligkeitskontraste ermöglicht, gelang es, die weitaus größeren Kontraste der Wirklichkeit überzeugend abzubilden. Freilich: So erfolgreich die Atelierpraxis war, so gering blieb das theoretische Verständnis. Das änderte sich erst mit der Wendung von der geometrischen zur physiologischen Optik. Es war der Mathematiker Daniel Bernoulli (1700 – 1782), der in seinem „Specimen theoriae novae de mensura sortis“ (Versuch einer neuen Theorie der Wertbestimmung von Glücksfällen) mit der phantastisch anmutenden, wenn nicht gar als müßige Spielerei erscheinenden Funktionsbeziehung, die Geld und Glücksempfindung verbinden soll, jene Denkfigur schuf, die Gustav Theodor Fechner (1801 – 1887) mit Recht auf den Zusammenhang von Lichtreiz und Lichtempfindung anwandte.

12:30-13:30
Dr. PD Claus Zittel, Kunsthistorisches Institut,
Max-Planck-Institut Florenz

Cureau de la Chambre und René Descartes

12:30 Ende Tagungsprogramm

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